
Wirte aus der Zentralschweiz haben
sich zur Vereinigung Ristorante Amici Italiani (R.A.I.) zusammengeschlossen.
Ihr Hauptziel: Qualität und Preise in italienischen Restaurants zu
verbessern.Wir begeben uns nach
Kriens-Obernau, genauer in einen abgeschlossenen Raum des
Restaurants Hergiswald. Es ist Sonntagabend, den
21. Mai 1995,
kurz vor 19 Uhr. Rund zwanzig italienische Restaurateure treffen sich hier
zur ersten Sitzung der Vereinigung Ristorante
Amici Italiani
(R.A.I.). An einem langen Tisch sitzen sie: Gutsituierte Herren, die meisten
in italienischen Anzügen und mit einem gesunden Selbstvertrauen. Wie eine
grosse Familie sieht das aus und niemand würde denken, dass sie sich sonst
gegenseitig harte Konkurrenz machen. Was sie
zusammengeführt hat, ist die Sorge um die Zukunft der italienischen Küche.
Tommaso Vaglio (Restaurant Einhorn, Luzern) poltert
mit heiser Stimme. «Es macht mich wirklich wütend. Überall sieht man
Spaghetti-Plausch oder Pizzas - im «Löwen», in der «Sonne». Immer mehr
Beizer glauben, damit schnell das grosse Geld zu machen. Aber das ist nicht
italienische Küche! Die Pizzas sind tiefgefroren, und die Tomatensauce kommt
aus der Büchse. So geht das nicht weiter. Wir haben eine italienische
Kultur, und zu der müssen wir Sorge tragen. Wenn wir italienisches Essen
verkaufen wollen, dann muss es das Beste sein, das es gibt.» Was er unter
«das Beste» versteht, ist klar.
Nur original italienische Zutaten sollen und dürfen in
einem italienischen Gericht gebraucht werden. |
Und wenn möglich sollten auch nur Italiener dies
kochen. Vaglio: «Schliesslich verkaufe ich auch nicht Bratwurst mit Rösti.
Ich mache den anderen auch keine Konkurrenz» Klare Worte, und der Beobachter
wünscht sich insgeheim« dass auch mal ein Schweizer Beizer so
leidenschaftlich für eine perfekt gebratene Rösti einstehen würde.
Zurück zum Tisch. Während der R.A.I. -Kassier und
«Hergiswald» Wirt lvano Coletto von seinen Mitarbeiterinnen ein wirklich
süperbes italienisches Essen auftischen lässt, werden die ersten Pläne der
R.A.I. diskutiert. Man ist sich einig: Nur mit Weiterbildung kann die
Qualität der italienischen Küche auch in Zukunft bestehen und sich über das
Pizza und Pasta- Mittelmass erheben. So soll als erstes . . . ein Pizza-Kurs
veranstaltet werden. In Zusammenarbeit mit der italienischen Scuola per
pizzaiolo (Ja, das gibt's!) werden vom 2. bis 6. Oktober unsere Pizzaiolos
auf den modernsten Stand der Wissenschaft gebracht.
R.A.I. Sekretär Cosimo Bruno erzählt detailliert, in
welchen Herren Ländern die Pizza-Lehrer schon ihr Wissen weitergegeben
haben- Amerika war dran, ebenso Afrika und Japan. Nun wird endlich auch die
Zentralschweiz in den Genuss von Pizzas kommen, die garantiert nicht auf dem
Magen liegen («Eines der Hauptübel bei vielen Pizzas», so Bruno). Cosimo
Bruno ist von der Katag Treuhand Gastgewerbe, die die administrative Leitung
von R.A.I. übernommen hat. Doch der Pizza-Kurs ist nur der erste Schritt
quasi die Basis allen italienischen Bemühens um eine erfolgreiche
Gastronomie. R.A.I. will mehr. Weitere spezialisierte Kochkurse sind
geplant. Und man will gemeinsam den Einkauf markfrischer Produkte regeln.
Und einmal jährlich soll in Luzern ein grosses italienisches Fest in der
Luzerner Altstadt über die Bühne gehen - mit allem, was unser
Italien-verrücktes Herz begehrt. Und der Erlös dieses Italienfests kommt
einem wohltätigen Zweck zugute. Und, und . . . der Beobachter ist
beeindruckt. Die Herren überbieten sich mit Ideen, die man gemeinsam
realisieren will. Und dies nur, weil andere angefangen haben, italienische
Menüs anzubieten? |
«Natürlich nicht nur», sagt Tommaso Vaglio, der
Hauptinitiant von R.A.I.: «Auch bei uns gibt es viele Fehler. Wenn von der
italienischen Küche hier fast nur Pizza und Pasta bekannt sind, dann haben
wir etwas falsch gemacht. Unsere Küche hat doch viel mehr zu bieten! Und wir
sind oft zu teuer. Wenn eine Pizza für 24 Franken angeboten wird, ist das
eine Frechheit. Da muss man sich nicht wundern, wenn irgendwann die Kunden
ausbleiben. Wir sind preismässig am obersten Limit, das müssen wir ändern.»
Damit das möglich wird, ist ein gemeinsamer Einkauf geplant. «Wir sind von
den. Importeuren abhängig», beklagt sich Tommaso Vaglio, «die machen mit
uns, was sie wollen. Vom Preissturz der Lira haben wir keinen Rappen
profitiert. Das muss anders werden. Wenn wir alle zusammenhalten, dann
können wir den Importeuren unseren Preis diktieren und so billiger
einkaufen. Zum Wohle des Gastes.»
Man spürt es, da steckt echtes Engagement dahinter.
Gemeinsam sind die R.A.I. eine starke Truppe, die schon erste Erfolge
verbuchen konnte. Lieferanten sind da, die zu neuen Konditionen liefern
wollen. Es wird ein eigener Import von Frischwaren und Wein aus Italien
geplant. Und Anfragen für die Mitgliedschaft kommen aus der ganzen Schweiz.
R.A.I. ist die erste Vereinigung dieser Art, und es scheint, dass ein
wirkliches Bedürfnis dafür besteht. Wir Konsumenten können nur darauf
hoffen, dass die Gemeinschaft auch Erfolg hat. «Doch bis dahin», sagt Cosimo
Bruno, «ist es ein langer Weg.» Das denkt sich auch der Beobachter, als nach
dem Essen der Espresso kommt. Zwar steht in den Vereinsstatuten, dass «wir
unseren Gästen nicht irgendwelche Pseudo-Produkte, sondern echte
italienische Spezialitäten anbieten werden.» Doch was da hellbraun in der
Tasse schwabbelt, ist echter Deutschschweizer Kaffee…
Bleibt anzufügen, dass die Wirte mit Schweizer Kaffee im Angebot von ihren
italienischen Kollegen heftig gerüffelt werden. Es geht schliesslich um
die italienische Küche, und die kann auch beim Kaffee nicht haltmachen. |